Alter Narr
„Opa, warum trägst du eigentlich immer wieder andere Ohrringe?“
„Ja, Opa, warum hast du überhaupt welche?“
„Hast du die schon immer?“
„Ihr stellt heute Fragen! Das ist eine lange Geschichte, vielleicht auch eine langweilige.“
„Deine Geschichten sind nie langweilig. Das sagst du nur, weil du es uns nicht erzählen willst.“
„Ist das ein Geheimnis?“
Der Alte lachte.
„Hm,“ brummte er, „vielleicht ist das sogar ein Geheimnis. Ihr müsst es ja nicht jedem weitererzählen.“
„Das tun wir bestimmt nicht.“
Wieder lachte der Alte. Kinder und Geheimnisse - wer weiß…
„Vor einigen Jahren,“ begann er jetzt „ging es mir nicht besonders gut. Ich bekam immer mehr Zipperlein und konnte manchmal nicht schlafen. Das Essen schmeckte mir nicht mehr richtig und das Gehen, zu dem ich einen Stock brauchte, wurde auch immer schlechter. ‚Jetzt bist du richtig alt‘, dachte ich. ‚Am besten, du machst dein Testament und bereitest dich rechtzeitig aufs Sterben vor.‘
Ich überlegte also, was ich wem hinterlassen wollte, und suchte mir ein Blatt Papier und einen Stift, denn das muss man selber aufschreiben, dass es gilt. Wie ich so alle meine Sachen durchging, die ich gerne hatte, fielen mir die ganzen Geschichten ein, die mit ihnen verbunden waren. Da war der alte Eichenschrank, den ein Schreiner schon hundert Jahre vor meiner Geburt gemacht hatte, so stabil, dass er sicher noch hundert Jahre und mehr halten würde. Aber eine Zierleiste fehlte und ein Beschlag war von Anfang an zerbrochen. Ich dachte an die lieben Menschen, die ihn mir geschenkt hatten, als ich gerade geheiratet hatte. Aber wer würde das schwere, alte Stück haben wollen?
Oder die kleine goldene Uhr mit dem wunderschön gravierten Deckel. Ich hatte niemanden gefunden, der sie reparieren konnte. Sie war das Geschenk meines Paten, als ich die Schule verließ.
So ging ich in Gedanken alle meine Schätze durch. Ich merkte, wie sehr sie mein Herz freuten, weil jedes von ihnen mit einem Menschen verbunden war, der irgendwie wichtig war in meinem Leben.
Wenn ich aber ehrlich war, so waren sie für andere wohl einfach nur Müll, den man entsorgen muss.
Da wurde ich ziemlich traurig. Was blieb von mir übrig?
Schließlich nahm ich meinen Stock und ging hinaus. Am Ende des Dorfes wohnte Selena. Keiner wusste wie alt sie war. Sie hatte einfach immer schon hier gelebt in ihrem verwunschenen Garten mit ihren Katzen und Hühnern.
‚Na setz dich erst einmal.‘ sagte sie und nahm mir den Stock ab, ‚Du siehst ziemlich müde aus.‘
Sie holte einen ihrer schönen Tonbecher und goß mir etwas aus einem Krug ein. Es duftete erfrischend nach Kräutern und Früchten.
‚Das wird dir guttun.’
Ich fühlte mich tatsächlich etwas gestärkt.
‚Alt bist du geworden,’ sagte sie mit ihrer dunklen Stimme, vor der ich mich schon als Junge etwas gefürchtet hatte.
‚Was willst du also? Wenn du nach so vielen Jahren dich einmal wieder zu mir verirrst, musst du einen wichtigen Grund haben.’
Ich schaute etwas verlegen auf den Boden, denn ich war wirklich einige Jahre nicht mehr bei ihr gewesen. Die meisten Menschen im Dorf mieden ihr Haus und erzählten wunderliche Geschichten über sie.
‚Angst hast du.‘ sagte sie schließlich, als ich nicht wusste, wie ich anfangen sollte. ‚Denkst wohl, jetzt geht es ans Sterben.’ Dabei kicherte sie leise in sich hinein.
Ich nickte mit dem Kopf. Und dann erzählte ich ihr alles, von meinen Sorgen, wie es immer schlechter mit mir wurde, und weil ich schon einmal so beim Reden war, auch von meinem ganzen Leben.
Die alte Selena hörte mir einfach nur still zu. Manchmal goss sie von dem köstlichen Getränk nach, damit ich meine fleißige Zunge befeuchten konnte.
‚Jaja, alt bist du geworden und jetzt weißt du nicht, was du mit dir noch anfangen sollst.’
Es war nicht sehr höflich, wie sie das zu mir sagte, aber Recht musste ich ihr doch geben.
‚Ich kann dir da nicht helfen. Alt wird jeder mal. Geh nach Hause.‘
Als sie mein enttäuschtes und erschrockenes Gesicht sah, kicherte sie wieder so seltsam.
‚Ich schick dir meinen Freund Chiron, wenn er zufällig vorbeikommt. Bei ihm weiß man halt nie, wann. Der hat sicher was für dich.’
Also machte ich mich auf den Heimweg. Ich hatte gar nicht gemerkt, dass sie mir meinen Stock nicht zurückgegeben hatte.
Ein paar Tage später - ich saß gerade vor dem Haus auf der Bank wie jetzt - kam eine seltsame Gestalt den Weg entlang. Manchmal tänzelte er, dann rannte er seitwärts und schaute nach irgendwas im Gebüsch, dann trottete er wie träumend weiter. Als er bei mir ankam, starrte ich ihn an. Nie in meinem Leben habe ich so klare himmelblaue Augen gesehen.
‚Genug geschaut, dass du mir einen Guten Tag wünschen und mich zum Sitzen einladen kannst?’
Ich sprang auf und reichte dem seltsamen Kauz, der mit allerlei behängt war, die Hand.
‚Entschuldigen Sie bitte! Nehmen Sie doch Platz!’
Er lachte.
‚Geht doch. Aber das ‚Sie‘ behältst du für den Gerichtsvollzieher! Ich bin Chiron.’
Von allem, was ich ihm anbot, wollte er nur ein Glas Wasser.
‚Selena hat mir von dir erzählt. Viele Wörter hat sie in den Mund genommen.’
Plötzlich stand er auf, drehte sich um sich selbst, dass sein Hemd flatterte und irgendwelche Glöckchen klingelten. Die Katze auf dem Fensterbrett hob den Kopf, kam hergelaufen und schnurrte um seine Beine.
‚Dinge sind eigentlich nichts, geformter Stoff, der auch anders sein könnte, oder? Wert hat doch nur ihre Geschichte. Zeichen sind sie. Für den einen bedeuten sie Macht, für einen andern Sicherheit, Bequemlichkeit, Reichtum oder sonst irgendwas. Mitnehmen, das hast du schon gemerkt, kannst du sie nicht auf dem letzten Weg. Nur die Geschichten bleiben dir.’
Wahrscheinlich habe ich alter Esel einen roten Kopf bekommen, weil er meine Sorge so unverblümt ausgesprochen hat.
‚Du bist ein alter Narr‘ sagte er ‚Du weißt das nur noch nicht oder willst es nicht wissen.’
Fast ein wenig ärgerlich schaute ich ihn an.
‚Ja, schau nur, stimmen tut es doch. Sei doch, was du bist. Nichts verzeihen einem die andern in Wirklichkeit, keine Schwächen und keine Fehler, als ob sie selbst vollkommen wären.‘
‚Aber einem Narren‘ fügte er nach einer Weile hinzu, ‚muss man nichts verzeihen, der ist, was er ist.’
Ich kaute auf meiner Lippe herum und wusste nicht, was ich sagen sollte, noch weniger, was tun.
Chiron suchte in seinen Taschen herum. Endlich nestelte er ein Stück Silberdraht heraus. ‚Da, den schenk ich dir. Der ist biegsam.‘
Dann stand er auf, schüttelte sich ein bisschen, dass es wieder leise melodisch klingelte und war im Nu verschwunden.
Seitdem forme ich aus dem Draht immer mal wieder einen Ohrring. Den Stock habe ich übrigens auch nicht mehr vermisst.“