Himmlischer Tanz


„Opa, wenn die Sonne untergeht, wo geht die hin? Unser Lehrer sagt, die bleibt, wo sie ist, nur die Erde dreht sich, dann sehen wir sie mal und mal nicht.“ 
„Ja, mein Junge, das mit dem Drehen stimmt schon. Aber die Sonne bleibt auch nicht stehen. Sie wandert durch den Tierkreis, für uns ganz, ganz langsam. In 25.920 Jahren ist sie einmal ganz durchgegangen. Wir würden, wenn wir so lange leben würden, sie am Frühlingspunkt wieder dort sehen, wo sie jetzt steht.“ 
„Aber die Erde und die Planeten sind doch immer gleich weit weg von der Sonne, oder?“ 
„Ziemlich, ja.“ 
„Dann müssen die doch mitlaufen.“ 
„Richtig, mein Kind, das alles schwingt in einem wunderbaren Rhythmus zusammen, wie ein großer himmlischer Tanz.“ 
„Und wir merken das gar nicht. Ich meine, wenn ich Fußball spiele oder in der Schule sitze, spüre ich doch nichts davon, dass ich mit der Erde und der Sonne durch den Himmel tanze.“ 
„Na, ein bisschen könnte man es spüren. Wenn man alt ist und Zeit hat, gehen einem Wunder auf, die man früher nicht bemerkt hat“ 
„Erzähl mir so ein Wunder, Opa.“ 
„ Du bist doch gut im Rechnen. In der Minute atmet der Mensch in der Regel 18 mal. Wieviel ist das in der Stunde?“ 
„Na 18 mal 60, warte, das sind 1080 mal.“ 
„Und wie oft atmest Du dann am Tag?“ 
„Der Tag hat doch 24 Stunden, also 24 mal 1080, oder?“ 
„Ja, mein Junge. Und weißt Du auch, wieviel das ist?“ 
Der Junge nimmt den Stock des Großvaters und schreibt die Rechnung in den Sand. 
Stolz ruft er: 
„25.920. Stimmt das?“ 
„Ja, das stimmt. Und was machst Du, wenn Du atmest?“ 
„Ich lass die gute Luft in mich rein und die schlechte wieder raus.“ _ 
„Deine Lunge schwingt, wird weit, wird eng.“ 
„Opa, wie war das mit der Sonne und den Planeten? Wie lange dauert das, bis die durch den ganzen Himmel geschwungen sind? War das nicht auch so eine Zahl?“ 
„Da hast Du aber gut aufgepasst. Ja, das sind 25.920 Jahre.“ 
„Ist dann ein Jahr für die Sonne und ihre Planeten wie ein Atemzug für uns? Und wenn unser Blut immer wieder frisch wird, wie ist es dann für die Erde? Wird die in einem Jahr auch immer wieder erfrischt? Und wo geht…“ 
„Langsam, mein Junge, manche Sachen brauchen Zeit. Jetzt habe ich Dir ein Wunder erzählt. Über Wunder aber soll man erst einmal staunen. Sonst vergisst man sie schnell wieder.“