Mondkalb
„Warum trägst Du heute einen Mond im Ohr, Großvater?“
„Na heute ist doch der Tag des Mondkalbes. Wisst Ihr das nicht?“
„Das habe ich noch nie gehört.“
„Es gibt doch gar kein Mondkalb.“
„Was ist das, Großvater? Erzähl doch.“
„Also, da war ein gerade neu geborenes Kalb, das zum ersten Mal mit seiner Mutter auf die Weide kam. Immer wieder ging es ans Euter der Kuh, um genüsslich zu trinken. Zwischendrin stakste es auf seinen viel zu langen Beinen über die abendliche Wiese, bis es müde wurde. Die Kuh muhte leise, um es zu beruhigen.
Da sah das Kalb über den östlichen Horizont etwas ungeheuer Großes, Leuchtendes heraufsteigen. Erschrocken fragte es die Mutterkuh, was das sei. Diese döste vor sich hin und träumte vom Wiesengras. Wieder und wieder schmeckte sie die verschiedenen herrlichen Aromen, welche die Sonne und ihre Himmelsgefährten in die Kräuter hinein gezaubert hatten.
,Was ist das für ein großes Ding?' fragte das Kälblein wieder, etwas weniger verängstigt, weil dieses Etwas zwar heller, aber auch kleiner wurde, je höher es stieg.
,Eine riesige, leckere Himmelsblume' antwortete schließlich die Kuh.
,Kann man die essen?'
,Wenn man hoch genug springt,' muhte die Alte versonnen.
Von da an sprang das Kalb den ganzen Tag, wenn es nicht gerade Milch trank, um die Himmelsblume zu erreichen. Aber diese wurde jetzt immer kleiner und eines Nachts war sie ganz verschwunden.
,Hat die jetzt ein anderer gefressen?' fragte das Kalb voller Enttäuschung.
,Vielleicht ist jemand so hoch gesprungen.'
Doch am nächsten Abend zeigte sich ein ganz dünner leuchtender Strich.
,Mama, schau mal! Wächst da eine neue Himmelsblume?'
,Sicherlich. Die wächst immer wieder nach. Manche sagen, schon so lange es den Himmel und die Erde gibt.'
Da fing das Kälbchen noch fleissiger an zu springen. Was glaubt Ihr, hat es die Himmelsblume erreicht?“
Die Kinder schüttelten langsam und etwas enttäuscht den Kopf.
„Ich glaube nicht,“ sagte eines „Der Mond hängt doch viel zu hoch.“
„Und die alten Kühe springen auch nur noch ganz selten.“
„Und wenn vielleicht doch…“ meinte eines ganz versonnen.
„Was ist aus dem Kälbchen geworden?“
„Eine Kuh, was sonst? Als sie selber Mutter wurde, hat sie natürlich aufgehört zu springen, um ihr Kindchen nicht zu verlieren. Aber an die Himmelsblume hat sie immer noch gedacht, besonders als das Kleine auf die Welt kam. Das hüpfte dann wirklich, wie früher seine Mutter, auf der Weide herum.“
„Das tun doch alle Kälber, Großvater.“
„Die stammen ja auch alle vom Mondkalb ab. Mit der ersten Milch bekommen sie die Erinnerung an die Himmelsblume. Deswegen ist die erste Milch einer Kuh immer gefährlich. Wenn man die trinkt, will man selber auch bis in den Himmel springen.“